AUSSTELLUNG
Waldenburger Töpferwaren –
Ein Europäisches Keramiknetzwerk
Die Ausstellung stellt das MACHEN und die MENSCHEN in den Mittelpunkt, die seit dem 14. Jahrhundert in der Töpferstadt Waldenburg eines der ältesten Keramikzentren entwickelten. Von hier aus spannte sich ein europaweites Handels- und Beziehungsnetzwerk, das bis nach Polen, Dänemark und Estland zu verfolgen ist.
Um 1900 erfuhr die Keramikproduktion in Waldenburg eine entscheidende Wende. Der Bedeutungsverlust von Gebrauchskeramik durch industriell hergestellte Emaile, Kunststoffe und Glas führte zur Neuausrichtung auf Kunst und Kunsthandwerk. Mit den Werken bekannter Keramiker und Künstler erlangten die Produktionen aus der Töpferstadt an der Mulde nach 1960 internationale Bekanntheit und Verbreitung durch die Handelsbeziehungen des Staatlichen Kunsthandels der DDR.
Mit der Gründung der Galerie für Gegenwartskunst 1991 und der Einrichtung des Museums für Keramik und Angewandte Kunst 2019 wird die Tradition bis in die Gegenwart fortgeführt. Waldenburger Keramik ist damit ein lebendiges Dokument eines europaweiten Keramiknetzwerkes und erzählt Handels-, Politik-, Sozial- und Kunstgeschichte.
Die Dauerausstellung mit über 500 Exponaten zeigt in den authentischen Werkstatträumen des Töpfermeisters Peter Tauscher originale Gebrauchs- und Künstlerkeramiken ebenso wie Werkzeuge und Maschinen. Die Ausstellung gliedern drei imposante, denkmalgeschützte Kohlebrennöfen mit jeweils 14 m³ Fassungsvermögen. Ausgestellt sind neben den Waldenburger Form- und Glasurtypen auch wertvolle Stücke aus den Sammlungen von Dr. Sabine Tauscher, Peter Tauscher, dem Waldenburger Museum sowie Repliken des Töpfermeisters Hans Grünert.
Regelmäßige Sonderausstellungen ergänzen die Künstlerkeramik durch aktuelle Positionen der Malerei, Glas-, Metallkunst und Skulpturen.

Die lebenslange Neugier und Begeisterung für sein Handwerk prägen das umfangreiche Werk von Peter Tauscher, Töpfermeister in elfter Generation in der traditionsreichen Töpferstadt Waldenburg. Zahlreichen Keramikern, Kunsthandwerkern und Künstlern vermittelte er sein Wissen. In über 60 Jahren Berufstätigkeit entwickelte Tauscher fast 300 Gefäßarten, ergründete die Techniken des Glasurbrands und sammelte Materialien, Werkzeuge und besondere Stücke. In seiner Schauwerkstatt in der Waldenburger Töpferstraße können Gäste erleben, wie aus Ton und Glasur – den ältesten Werkstoffen der Menschheit – Schönes, Nützliches und Wertvolles entsteht.
Der 1944 in Waldenburg geborene Peter Tauscher erlernte das Töpferhandwerk bei Paul Eydner, dessen Werkstatt er später übernahm und die heute das Museum für Keramik und angewandte Kunst ist. Als seinen eigentlichen Lehrer betrachtet Tauscher den Bürgeler Meister und Hochschuldozenten Walter Gebauer, der ihm ein umfassendes Wissen verschiedenster Glasurtechniken und die besondere Ästhetik des keramischen Kunsthandwerks vermittelte.
Peter Tauscher wandelte die Waldenburger Werkstatt zur Manufaktur des Staatlichen Kunsthandels der DDR und zur Lehrwerkstatt der Hochschule für Industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein in Halle um.
In der Werkstatt entwickelte er die Technik der Blau-Grau-Keramik weiter, entwarf verschiedenste Dekorarten und verwirklichte zahlreiche architekturbezogene Keramikwerke im öffentlichen Raum. Beispiele hierfür sind die Glasurtechniken für die Berliner Karl-Marx-Allee, die in Zusammenarbeit mit dem Dresdner Konstruktivisten Karl-Heinz Adler entstanden. Im Rahmen der Restaurierung des U-Bahnhofs Klosterstraße in Berlin wurden 1984-1985 im Steinzeugwerk Crinitz die Nachbildungen des antiken Ischtar-Tors zu Babylon angefertigt. Zuletzt rekonstruierte Peter Tauscher die Keramikkacheln für die von Henry van de Velde entworfene Jugendstil-Villa Esche in Chemnitz.
Die Galerie von Waldenburg gründete Peter Tauscher im Jahr 1991 mit seiner zweiten Frau, der Architektin, Kunsthistorikerin und Galeristin Dr. Sabine Tauscher. Als langjährige Leiterin der Metallwerkstatt des Staatlichen Kunsthandels der DDR in Altenburg brachte sie ihre Kontakte und ihr Wissen um die aktuelle Kunst in das Unternehmen ein und führte es in die Gegenwart. Heute verbindet sich in Waldenburg die vielgestaltige Geschichte des Töpferhandwerks, die Kunst des Gestaltens in Ton und Glasur, mit einem lebendigen Ort angewandter und bildender Kunst. Durch wechselnde Sonderausstellungen ist dieser immer wieder neu zu erleben.
Einen neuen Aufschwung und Neuausrichtung von kunst- und kunsthandwerklicher Keramik entstand durch die Förderung und Eingliederung von traditionsreichen Werkstätten, wie die HB-Werkstätten in Marwitz, die Werkstatt für Keramik in Juliusruh und in Waldenburg in das Galerien- und Werkstattnetzwerk des Staatlichen Kunsthandels der DDR. Diese produzierten nicht nur begehrte Gebrauchskeramik, sondern arbeiteten auch eng mit Künstlerinnen und Künstlern zusammen. Über Ausstellungen auf der Leipziger Grassimesse und Beteiligungen des Staatlichen Kunsthandels der DDR ab 1974 bei Kunsthandwerkermärkten in München entstanden Kontakte zu Kundenkreisen aus den Niederlanden, Dänemark und der Bundesrepublik sowie ein Netzwerk europäischer Künstler, die zu Residencies und Symposien nach Waldenburg eingeladen wurden.
Neben der Produktion von Gebrauchs- und Schmuckkeramik entstanden seit den 1960er-Jahren in Peter Tauschers Werkstatt in Kooperation mit Kunsthandwerkern und Künstlern individuelle Einzelstücke. Angehende und renommierte Künstler kamen zu regelmäßigen Symposien
wie Karl-Heinz Adler, Michael Morgner, Osmar Osten, Claus Weidensdorfer und ebenso internationale Gäste wie die schwedische Künstlerin Ulla Viotti. Sie gestalteten, glasierten und bemalten Vasen, Töpfe, Schalen, Reliefs und Skulpturen, die sich in den drei turmhohen historischen Kohleöfen oder japanischen Rakubränden zu Kunstwerken wandelten. Viel Wissen und Gefühl für die jahrtausendalte Technik sind nötig, um aus Ton und Pigmenten begehrte Einzelstücke herzustellen, die heute Teil öffentlicher und privater Kollektionen wie der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sind.Mit diesen Netzwerken verfolgte die DDR auch eine Keramik-Diplomatie. Das Kulturministerium forderte von den Werkstätten des Staatlichen Kunsthandels, ausländischen Künstlern Arbeitsmöglichkeiten anzubieten. Auf Vermittlung des DDR-Kulturministeriums wurden im November 1978 vier libanesische und palästinensische Keramiker zu einem sechsmonatigen Praktikum eingeladen, um eine Werkstatt im Libanon aufzubauen. Eine geplante Ausstellung in Damaskus 1984 kam wegen des Libanonkriegs 1982 nicht zustande.
Steinzeug ist neben Porzellan die härteste bekannte Keramikart, und ist durch braune bis graue Farbtöne gekennzeichnet, die durch Eisen und organische Bestandteile in seinem Ausgangsmaterial, dem Ton, entstehen. In Mitteleuropa begann die Herstellung von gesintertem Steinzeug vermutlich um 1300. Die im Brennprozess vollständig verglaste Keramik ist wasserdicht und mit Stahl nicht ritzbar. Sie wurde für Trink- und Vorratsbehälter genutzt. Wichtige Steinzeugzentren entstanden im Rheinland und Westerwald. Sachsen, insbesondere Waldenburg, entwickelte sich seit Mitte des 14. Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten Produktionsorte von Steinzeug im östlichen Europa.
Steinzeug zeichnet sich durch besondere Eigenschaften aus: Härte, Bruchfestigkeit, geringe Wasseraufnahme (<2%) und Brenntemperaturen von 1200 -1400 °C. Voraussetzung dafür ist die Verfügbarkeit von kalkarmen und kaolinreichen Tonmaterial, eine Ofentechnologie, die hohe und konstante Brenntemperaturen erreicht, und das Vorhandensein von Brennstoffen. Diese Vorrausetzungen waren in Waldenburg ideal gegeben.
In einem alten Meisterbuch ist im Jahr 1662 vermerkt, dass die Waldenburger Töpfer einen neuen Tonberg in Frohnsdorf erschlossen haben. Der Frohnsdorfer Ton, der sowohl fettige als auch magere Schichten umfasste, mit Kaolin, Sand- und Quarz-Anteilen, lieferte bis in die 1990er-Jahre hinein die Grundlage für verschiedenste Keramikarten, die in Waldenburg über die Jahrhunderte hinweg bis heute produziert werden.
Neben den gemagerten Steinzeugwaren wird in Waldenburg seit dem 17. Jahrhundert auch Irdengut getöpfert, zu denen die Keramikarten Steingut und Fayencen zählen. Sie weisen Porosität und Wasserdurchlässigkeit auf, aus denen je nach Magerungsstufe Ofenkacheln, Laborgeräte oder auch Kochgeschirr hergestellt werden. Mitte des 18. Jahrhunderts gründete sich in Waldenburg eine Pfeifenmacherinnung, die aus dem stark kaolinhaltigen Frohnsdorfer Tonmaterial und nach niederländischem Vorbild elegante, fast porzellanweiße Pfeifen herstellte, die sich europaweit verbreiteten.
Keramische Artefakte zeugen von den Arbeits- und Lebensweisen der gesamten Menschheitsgeschichte und sind weltweit verbreitet. Kaum ein anderes kunsthandwerkliches Produkt ist dem Alltag der Menschen so nah. Neben Gebrauchsgegenständen wurden seit jeher auch Dinge zur Unterhaltung wie Instrumente, Tabakpfeifen, Spiele, Spielzeug und Schmuckgegenstände hergestellt. Keramik begleitet die Menschheit von den ersten Kulturstufen bis in die Gegenwart in allen Lebensbereichen.
Mit der Entwicklung von Technologien und Wissenschaft entstand auch der Bedarf an neuen Gefäß- und Glasurtypen: Spezialgefäße verschiedenster Porosität, Dichte und Feuerfestigkeit wurden typisiert. Weite Verbreitung fanden die Typen aus Waldenburg zum Beispiel mit dem begehrten Egerer Sauerwasser und Böhmischen Bitterwasser aus Sedlitz und Saidschitz in speziellen Vierkantflaschen mit Zinnverschlüssen, die eine leichtere Stapelbarkeit und Wiederverwendung ermöglichten.
Eine wichtige Mentorin der Waldenburger Töpferwaren war Kurfürstin Anna von Sachsen, die erste Apothekerin Deutschlands. An ihrem Hof wurden nicht nur Koch- und Essgeschirr aus Produktionen von der Mulde genutzt, sondern auch Gefäße und Geräte für die Hofapotheke und das Destillierhaus im Schloss Annaberg, wie Retorten und Alembika. Zwischen 1573 und 1585 verschickte die Kurfürstin jedes Jahr einen ganzen Wagen mit „allerley Waldenburgische Erdengefäße“ an die befreundete Herzogin Anna von Bayern und sorgte so für die Verbreitung von Wissenschaft und Technologie aus Waldenburger Produktion.
Der Erfinder der modernen Mineralogie, der 1494 in Glauchau geborene Universalgelehrte Georgius Agricola, schreibt 1546: „In Deutschland sind die Waldenburger Gefäße zwar nicht die schönsten von Aussehen, aber die besten und haltbarsten … Man führt diese irdischen gefeß sehr weit, als erstlich gen Antorff und Venedig und von dannen auf der See und Meer ferner in andere Landen.“
Der frühe Erfolg Waldenburger Steinzeugs ist auf die Fürsten von Schönburg-Waldenburg zurückzuführen. Sie wechselten im 12. Jahrhundert an die Zwickauer Mulde und wurden erste Multiplikatoren der begehrten keramischen Gebrauchsgüter vom Spätmittelalter bis zum Frühbarock.
Am 5. April 1388 erhielt Waldenburg durch Friedrich von Schönburg die erste deutsche Töpferinnungsordnung. Sie stellten Handelsbeziehungen zu europäischen Herrschaftshäusern her, sorgten vermutlich für einen Technologietransfer von den rheinischen Steinzeugzentren und regten die Töpfer zur Entwicklung eigener Techniken, Verzierungen und Typen an: mit Rollrädchen verzierte Dornrandkannen, Igel- und Gesichtskrüge, Jakobakannen, Trichterhalsbecher und Wellenfußkrüge.
Ab dem frühen 15. Jahrhundert etablierten sich die Waldenburger Töpfer neben Siegburg und Langerwehe als zweitwichtigste Produzenten hochwertiger Steinzeugkeramiken in Europa.
Im 16. Jahrhundert erweiterten die Töpfermeister in Waldenburg ihre Produktionen auch auf technische Gefäße für Bergbau, Schmelzhütten, Apotheken, Labore und Destillerien. Im 18. Jahrhundert kamen Tabakpfeifen aus kaolinhaltigem Ton und Ofenfayencen hinzu. Es entwickelten sich Spezialisten: Hartgefäßbrenner, Flaschentöpfer, Geschirr- oder Glasurbrenner, Ofentöpfer und Pfeifenmacher. Als weitere Spezialisierung stellten Töpfereien Irdenwaren her, insbesondere kunstvolle Fayencen für Ofenkacheln und verzierte Schmuckteller. 1781 verzeichnete Waldenburg 44 Töpferwerkstätten, identifizierbar an individuellen Innungszeichen und Ornamenten.
Die Bedeutung Waldenburger Gebrauchskeramik schwand Ende des 19. Jahrhunderts. Diese Wende brachte die Einführung industriell hergestellten Glases, Steinguts, Porzellans, Emails und später auch Kunststoffe. Die 1892 geplante Töpferschule musste aufgegeben werden.
Um 1900 konzentrierte man sich zunehmend auf kunsthandwerkliche Keramiken mit reichen Verzierungen und farbigen Glasuren sowie Spezialanfertigungen für die chemische Industrie. 1876 betrieben noch 19 Meister eine Töpferei. Heute sind nur noch 3 Töpferinnen und Töpfer in Waldenburg mit eigenen Werkstätten tätig, die individuelle und traditionsreiche Formen, Dekors und Glasuren anfertigen.










